Contract AI – Natural Language Processing in der Vertragsanalyse

Vortrag im Arbeitskreis "KI im Mittelstand" von Dr. Theresa Stocks (Arvato Systems)

Problemstellung

Im B2B-Geschäft erfordern kleine Änderungen in einem Vertrag eine vollständige juristische Prüfung des gesamten Vertrags, ob andere Vereinbarungen von der Änderungen berührt sind und ggf. angepasst werden müssen. Ein Jurist prüft dann mit teilweise hohem Aufwand und Kosten jede einzelne Vereinbarung eines Vertrags, identifiziert Anpassungsbedarf und führt diese Anpassung durch.

KI-Fragestellung

Das Team von Arvato Systems stellte sich die Frage, ob eine lesende KI Juristen und C-Level-Management bei einer ersten und schnellen Risikobewertung von Verträgen unterstützen kann, um so Genehmigungsprozesse zu beschleunigen.

Zentrale KI-Herausforderungen bei der Umsetzung

  1. Eine lesende KI muss in der Lage sein, den Text in einem Vertrag lesen und semantisch “verstehen” zu können.
  2. Es muss eine effiziente Methode zur Annotation von Vertragstexten entwickelt werden.
  3. Die KI-Lösung muss sich einfach in den Arbeitsablauf von Juristen integrieren lassen.

Lösungsansätze

  1. Natural Language Processing (NLP) ist ein gut etabliertes Feld im Bereich des maschinellen Lernens und hier gibt es einige gute Open Source Werkzeuge, die das Team zur Lösung der ersten Herausforderung verwenden konnte.
  2. Die Annotation von Vertragstexten war für juristische Texte etwas schwieriger als bei vielen anderen NLP-Projekten, weil sehr tiefgehendes juristisches Expertenwissen gefordert war. Das Team konnte diese Herausforderung mit einer Kombination aus regelbasierter und durch Menschen überwachter Annotation gut lösen. Als Werkzeug zur Annotation wurde Prodigy eingesetzt.
  3. Durch die enge Kooperation mit Juristen konnte das Team schnell ein gutes Interface entwickeln. Heute wird die Lösung als Beta-Version bereits unternehmensintern verwendet und soll in absehbarer Zeit als Cloud-basierter Service auch extern angeboten werden.

Lernergebnisse

  1. Das Interface für die Anwender der Lösung war ein sehr wichtiges Erfolgskriterium. Das KI-Werkzeug muss sich sehr einfach in den Arbeitsablauf von Juristen integrieren lassen. Die Zusammenarbeit mit den zukünftigen Anwendern ist sehr wichtig und die am Projekt beteiligten Personen benötigen den richtigen Mindset um sich auf neue Herangehensweisen einzulassen.
  2. Die Entwicklung einer KI für eine solche Aufgabe ist kein Sprint sondern ein Marathon. Damit alle Stakeholder im Zeitverlauf weiterhin unterstützen waren greifbare Ergebnisse zu einem möglichst frühen Zeitpunkt hilfreich. 
  3. Den ersten Prototypen insb. mit dem Interface für Juristen konnte das Team schon nach ca. fünf Wochen fertigstellen.

Meine persönliche Beurteilung

Das Projekt zeigt, dass KI-Prototypen innerhalb weniger Wochen realisiert werden können. Da es bereits unternehmensintern verwendet wird, ist davon auszugehen, dass die Lösung grundsätzlich funktioniert. Als Cloud-basierter Service werden solche KI-Lösungen die Arbeit von Juristen grundlegend verändern und erlauben Anbietern mit Pioniergeist neuartige Geschäftsmodelle dauerhaft im Markt mit einem technologischen Wettbewerbsvorteil zu etablieren.